
TAZ 2003-05-31
Weirdos an den Tasten
Kein pseudoakademisches Clicks-&-Cuts-Gedöns: Das Rotterdamer Trio
"Coolhaven" lässt am Sonntag in der Astra Stube seine Laptops
los
"Coolhaven" ist der Name eines Abschnittes im Hafengebiet Rotterdams.
Die Gegend wirkt leicht heruntergekommen, aber irgendwie idyllisch. Ein bisschen
kaputt und schön zugleich. Ähnliches gilt auch für die Musik
des Trios, das seit einigen Jahren unter dem gleichen Namen sein Unwesen treibt.
Coolhaven ist das Projekt von Lukas Simons, seines Zeichens Musiker und Betreiber
des Rotterdamer Plattenladens und Live-Clubs Worm, der vor einem halben Jahr
in kleinere Räumlichkeiten umziehen musste, weswegen dort zur Zeit keine
Live-Aktivitäten möglich sind. Zu Simons Trio gehören außerdem
Hajo van Doorn und der Künstler und Schlagzeuger Peter Frengler von der
Art-Rock-Gruppe S. Spier. Das Debüt-Album von Coolhaven trägt den
unwiderstehlichen Titel Blue Moustache.
Simons, Frengler und van Doorn musizieren auf Laptops. Wer bei diesem Stichwort
an jene Langweiler denkt, die die Arbeit ihren Maschinen überlassen, während
die User selbst sich in gut aussehendem Kopfnicken üben, könnte verkehrter
nicht liegen. Coolhaven produzieren nichts Dancefloor-Kompatibles und auch kein
pseudo-akademisches Clicks-&-Cuts-Gedöns. Sie sind echte Weirdos, und
ihre Musik klingt dementsprechend.
Was Coolhaven von vielen anderen Laptop-Künstlern unterscheidet, ist die
Tatsache, dass wir es hier mit drei gesangsbegeisterten Herren zu tun haben,
die stets zu jeder Schandtat bereit zu sein scheinen. Über wackelnde Beats
und Free-Jazz-Samples stimmen sie da etwa dreistimmige Doo-Wops an, digitaler
Calypso wird mit verfremdetem Geknödel kombiniert, der Refrain gepfiffen
oder gar gefurzt. Eine gewisse Vorliebe für Theatralik ist bei alldem nicht
zu überhören.
Statt sie zu bloßen Playback-Maschinen zu degradieren, spielen Coolhaven
auf und mit ihren Kisten. Die Musik besteht nur selten aus vorgefertigten Tracks,
die nur noch in einer bestimmten Reihenfolge abgespielt werden müssen.
Von freier Improvisation kann bei Coolhaven aber auch nur bedingt die Rede sein:
Die meisten ihrer Stücke haben Struktur und beziehen sich manchmal sogar
direkt auf benenn- und wiedererkennbare musikalische Stile. Wie diese interpretiert
werden, ist allerdings eine Sache für sich. So hätte eine Ballade
wie "Massachussetts Love" auch auf der ersten Ween-LP eine gute Figur
gemacht. Der Groove in "Standing On A Wipwap" stolpert wie bei Sensational.
Und der anarchische Humor, der hier über allem schwebt, erinnert an die
Residents. Definitiv anders als alles andere "Andere". Freaks halt.
" MICHELE AVANTARIO